Teil 1: Träume

Im Kepler Gymnasium war es üblich, dass möglichst alle Kinder ein Instrument beherrschen. Für mich sollte es - Helmut Calgéer’s Idee - eine Violine sein. Also wurde schön geübt (meine Mutter hat damals die ersten grauen Haare bei sich entdeckt) und bis ins Synphonieorchester aufgestiegen. Doch Verhängnisvolles zeichnete sich ab. Zum zwölften Geburtstag wurde mein kleiner Bruder mit einer Gitarre ausgestattet. Er wurde "zum Huber" (der hatte den Musikladen, aus dem später das Musikhaus Keller wurde) geschickt und lernte "zupfen". Drafi Deutscher (Marmor, Stein und Eisen bricht...) veröffentlichte jedoch damals in der BRAVO einen Gitarrenkurs. Deshalb habe ich mich relativ schnell an der Gitarre meines Bruders vergriffen um zu sehen, ob ich nicht auch so Gitarre spielen könnte wie die Stones, Kinks, Beatles und all die anderen, über die in der BRAVO geschrieben wurde. Ich hatte in meiner Klasse einen Mitschüler, der den bereits gelernten Stoff nochmals vertiefen wollte. Er war deshalb auch älter als wir, wesentlich erfahrener und spielte Elektrogitarre - Jürgen Steinhilber, den alle Watschwatsch nannten. Watschwatsch spielte bereits in einer Band und hat beim ersten Bandwettbewerb des Jugendclubs in Hageloch mitgemacht. Seine Gitarre war eine Firebird Kopie von Hopf und mit der konnte er Stücke der Pretty Things, Stones und Animals spielen. Das wollte ich natürlich auch. Von Watschwatsch habe ich - von dem, in den Sommerferien verdienten, Geld - eine Egmond Gitarre gekauft. Eine fürchterliche Klampfe bei der man nur bis zum 4.Bund greifen konnte weil der Hals schief war (die tiefe E-saite lag dann bereits neben dem Griffbrett). Aber es war eine "Brian Jones Gitarre". An einer stratähnlichen Gitarre waren die „Hörner“ einfach abgesägt worden.

Die Gitarre hatte sogar drei Tonabnehmer. Ich verpasste ihr noch eine Hippymalerei und tauschte sie nach einigen Monaten gegen eine japanische Klampfe (eine Guyatone) mit nur zwei Tonabnehmern. Wegen dem dritten Tonabnehmer der Egmond habe ich zusätzlich 2 LPs rausgeschunden - "The Piper at the Gates of Dawn" (Pink Floyd) und "Undead" (Ten Years After). Eddy Kammleitner war der glückliche neue Besitzer meiner Brian Jones Hippy Gitarre. Er versprach, ein Schlagzeug zu kaufen und wurde dann in unsere geplanten Band aufgenommen (ich weiss bis heute nicht, weshalb er die Egmond haben wollte). Jedenfalls war er ein "guter Musiker", denn er hatte bereits über 10 Langspielplatten.


Teil 2: Meine erste Band

Roland Ludwig war Bassist – er wohnte wie ich in Derendingen und hatte bereits eine komplette Dynacord Bassanlage (von seinem Vater gekriegt - Einzelkind). Roland brachte „Softy“ ins Spiel. „Softy“ hiess eigentlich Rainer Gneiting und war ein begnadeter Pianist. Er spielte wie ein junger Gott alles, was Boogie Woogie oder Rock 'n Roll war. Da der Eddy weder Gitarre spielen konnte noch das Schlagzeug - was er als Drummer eigentlich haben sollte - gekauft hatte, wurde er durch Wolfgang Freund ersetzt.

Bis dahin waren unsere Aktivitäten als Band das gemeinsame Musikhören und die Planung unserer Karriere. Der Lupo Freund hatte sich ein paar Trommeln als Einstieg bei uns beschafft. Dann wurde geprobt. Bald bemerkten wir, dass auch er kein Drummer ist. Um dem drohenden Rausschmisss (Schande !!!!!) zu entgehen, brachte er Wolfgang Gessat zur Probe mit. Dieser hatte ein Schlagzeug, konnte spielen und der „Freund“ wurde somit Sänger, da war er wirklich gut. Wir spielten Steamhammer, Beatles (das weisse Album), Elvis Presley, Animals, Stones,....hauptsächlich im Jazzkeller und bei Parties – das war 1968. Meinen kleinen japanischen 10 Watt Verstärker (Mailorder in der Bravo) habe ich durch einen Guyatone mit separater Box ersetzt.

„Softy“ hat sich bei unseren Auftritten regelmässig die Finger blutig gespielt weil die Tonbandmikrofone, mit denen wir das Piano abgemikt hatten, einfach „Scheisse“ waren und unsere Verstärker viel zu laut. Es gab damals noch keine PAs. Wir haben bei Elektro Mayer für die Auftritte eine Dynacord Anlage ausgeliehen, Bananenstecker usw – echt abenteuerlich - die VDE gabs halt noch nicht. Diese Anlagen waren dazu gedacht in Bierzelten Ansagen zu machen – sonst nix. Wir standen mit dem Zeug im Jazzkeller haben ein Telefunken Tonband Mikro vor das Klavier gehängt und "Tschüss!" Weil Softy richtig gut war und menschlich einfach in Ordnung, wurde er vom Rest der Band regelmässig gelobt. Blöderweise habe ich ihn im Jazzkeller einmal für ein Supersolo gelobt und er musste mir sagen, dass - "weil man sowieso nichts gehört hätte" - er gar nicht mitgespielt hat.

Mit unseren beiden „Sensibelchen“ Wolfgang und Georg gab es relativ häufig Diskussionen (ich bin sensibler als Du !) und Hartmut Frohnmeier übernahm das Schlagwerk. Der war deutlich problemloser als alle, die wir vorher hatten. Jetzt sollte unsere Karriere als Beatband beginnen. „Softy“ hat jedoch bereits die Schnautze voll gehabt. Man hat von ihm so gut wie nie was gehört und wir hatten kein Geld für eine „Gesangsanlage“.

Im Dezember ’68 habe ich mir eine Aria Diamond Semiacoustic Gitarre beim Musikhaus Keller gekauft. Meine erste gute Gitarre. Am 10.Januar 1969 hatten wir dann einen Gig im Clubhaus Tübingen zusammen mit Substitute (der Band von Chris). Die waren bereits eine richtige Band und kein Haufen Einzelkämpfer wie wir. Nach diesem Gig gings mit meiner Band steil bergab. „Softy“ wollte nur noch Jazz spielen, der Freund wollte nur noch Beatles spielen, ich war auf John Mayall's Bluesbrakers, Clapton, Cream und Hendrix und wir alle wollten berühmt werden. Im April '69 war Schluss. Ende April (ein paar Tage nach unserer Auflösung) kam ein Brief von Chris bei mir an und ein neues Kapitel wurde aufgeschlagen. Aber das ist wieder eine andere Geschichte. Ende des ersten Teils Punkt.