Spurensuche – Tatort Elternaus (1964 – 1965)

- der Junge wird infiziert. Spätestens dann, wenn Hausmusik (...im elterlichen Hause sehr gepflegt und mit Bedacht an die Kinder weiter gegeben...) darin gipfelt, dass missbrauchte Röhrenradios abrauchen und Klaviere, deren Hämmer mit Reißnägeln getunt – klingen wie spätbarocke E-Pianos, spätestens dann, sollte der nervenzerfetzende Musikbetrieb in einen Übungsraum verlegt werden. Im Jahre 1965 war es dann auch bei Familie Philipp so weit. Beatles, Rolling Stones, Animals und was sonst noch gehört und gespielt wurde, sollten außerhalb der häuslichen Mauern zelebriert werden – also dann!

Spurensuche – Tatort Lammkeller (1966 – 1967) - jetzt gehts los !

Mitten im Herzen von Tübingen, im alt-ehrwürdigen Hotel Lamm – besser gesagt in der zweiten Kelleretage, meilenweit vom Tageslicht entfernt, trafen sich Beginn 1966 einige Gestalten, deren familiäre Leidensgeschichten sich frappierend ähnelten. Sie wollten ihrem gemeinsamen Laster zu frönen. Das zum Studentenwohnheim umfunktionierte Ex-Hotel bot das genau richtige Ambiente.

Ede Wolf hatte schon einen Führerschein samt Opel Karajan – ähh Caravan, was ungeheuer wichtig war! Schlagzeug vorhanden, ordentlichen Bums drauf – super. Willi wollte schon immer mal Bass lernen und Klebi hatte bereits eine Akustik-Gitarre mit Saiten drauf.

Chris rackerte bei der Post, kaufte eine VOX-Jaguar Orgel mit Original Echolette BS 40 Amp. Was wollte man mehr? Zur Not sang man eben über den Orgelverstärker. Jetzt konnte es los gehen. „LSTNT“ nannte sich der Haufen. Leider waren die musikalischen Kompetenzen sehr ungerecht verteilt und bald fand man sich in der Notlage, personell umstrukturieren zu müssen. Man wollte schließlich nicht nur Parties im Keller feiern!

“Mercury Messages Service“, göttliche Boten der Muse, nannte sich die Neuauflage des Musiker-Haufens - später auch Band genannt - noch im Jahr 1966. Ede Wolf an den drums, Chris an der Orgel und am Mikrofon, Martin „Fox“ Wyrwich an der Gitarre und Reinhard „Sulzau“ Hoffmann am Bass. Jetzt ging die Post ab und die ersten Gigs bei den damals angesagten Feten der Tübinger Studenten-Verbindungen verliefen äußerst erfolgreich.

Sulzau hatte schon immer mächtig den Blues drauf – orientierte sich an anderen Vorbildern - und Fox zog es nach Berlin – oh weh! Wie lange würde der Haufen noch zusammen bleiben? War das schon das Ende?

 

Spurensuche – Lamm und Jugendclub (1967 – 1968)

Inzwischen hatte sich eine weitere Gruppe um Michael de Caetani samt "Rotfüchsle" Wolf Dietrich Baier ( der ältere Bruder von Thommie Baier ) im Keller eingenistet. Ein ständiges Kommen und Gehen. Unmöglich, die Namen aller, die jemals in diesem Keller gefetet haben einzeln in die Annalen auf zu nehmen. Ein- oder zwei Stockwerke höher trafen sich auch politisch besonders aktive Studenten, die dem Zeitgeist der 68er sehr eng verbunden waren und nicht selten von der Polizei gesucht wurden. Sicher ist nur, dass jeder gerauchte Zigarettenstummel im riesigen Bauch von Caetanis Fenderbox verschwand! Durch Zufall erfuhr Chris, dass ein gewisser Peter Konhäuser, seines Zeichens Bassist bei der Gruppe „Provocation“ ein Hallgerät besaß, ( Scheibenhallgerät – äußerst tricky!! ) genau das, was man zum ordentlichen Singen damals brauchte. Beim Antesten und Ausleihen kamen sich die Gruppen näher und es gab eine gigantische Gruppenfusion.

Der Name „Provocation“ stand zukünftig für: Peter Konhäuser am Bass, Günter„Pollux“ Hämmerle am Schlagzeug, Hans-Christian „Chris“ Philipp Stimme und Orgel, Bernd „Benne“ Bauknecht an der Gitarre, Helmut „Melhut“ Bauer an einer weiteren Gitarre und am Mikrofon. Dazu noch Hartmut „Cassius“ Mauch an der „Shadows“ Gitarre. Klar, dass in dieser gitarrenlastigen Formation der Frieden nicht von langer Dauer war. Ach ja – jetzt fand auch der Wechsel in ein neues Übungsdomizil statt. Man schickte sich an, die Hausband des Tübinger Jugendclubs, im schönen Schwabenhaus – direkt an der Neckarfront - zu werden. Es ging steil bergauf!!
Dies alles noch im heftig-schicksalsträchtigen Jahr 1967.

Seit 1965 schrieb der Jugendclub Tübingen einen jährlichen Band-Wettbewerb aus, der den gesamten Untergrund der Tübinger Szene auf den Plan brachte. Die erste Schlacht fand noch in der legendären Hagellocher Turnhalle statt – um dann in den folgenden Jahren mit wachsendem Erfolg in der Festnauer Lusthalle (besser: Lustnauer Festhalle)auf den Punkt gebracht zu werden.

Genau dieser Wettbewerb – ausgeschrieben für den 29. Juni 1968 – sollte zum erklärten Angriffsziel für die noch junge Riesenformation „Provocation“ werden. Man probte im Jugendclub sehr heftig, Lieder wurden umarrangiert und neu komponiert, aber der Haufen aus sechs Musikern kam nicht zusammen. Der Herr Baron von Bauknecht zog den Gitarrenstecker im Eifer des Gefechts – zu früh, Wiedereinstecken nicht nötig. Cassius wurde ins Chaos mit hinab gerissen. Nach dieser Generalreinigung, Eingeweihte nannten diesen Tag „blutigen Mittwoch“ blieben noch:
Peter Konhäuser am Bass, Chris Philipp an Orgel und Stimme, Pollux Hämmerle am Schlagzeug und Helmut Bauer an der Gitarre – eben die Gruppe „Substitute“ des Jahres 1968.

Dergestalt „eingedampft“ bzw. reduziert - und vom Ehrgeiz angetrieben, es den Neidern zu zeigen – gewann die Gruppe „Substitute“ den Band-Wettbewerb 68 und wurde von nun an zur Hausband des Jugendclubs Tübingen.

 

Spurensuche – ein neuer Weg muss her (1969 – 1970)

Jetzt waren Neuorientierungen überlebensnotwendig – welcher Stil wird verfolgt, für welches Publikum soll gespielt werden? Kurzfristige Streitigkeiten mit dem Chef des Jugendclubs, dem legendären Manne Sailer, ließ die Gruppe ins Exil im TSG-Stadion übersiedeln. Nach vielen Versuchen wurde klar, entweder braucht die Gruppe eine zweite Stimme (Frau?) oder einen Sologitarristen. Man probte an vielen Stilrichtungen entlang, hatte Gastspiele in z.B. Altensteig, tröstete dort Chris, der inzwischen dank schlechter Schulerfolge im Internat ebendort gelandet war. Im Übrigen war dies eine sehr kreative Zeit für die ganze Gruppe, neue Stücke wurden ins Repertoire aufgenommen und bald merkte man, dass ein echter Sologitarrist gefunden werden musste. Die Wahl fiel auf „Märte“ Martin Schaefer, den Chris schon von einigen Exkursionen und Gastspielen bei anderen Gruppen kennen und schätzen gelernt hatte. Als dieser mit Guyatone, Leiterwagen und Gitarrenbox im Jugendclub auftauchte, stand der neuen musikalischen Zusammenarbeit nichts mehr im Wege. „Substitute“ war neu formiert und probte nun auch wieder im Jugendclub in der Gartenstraße. Man machte sich auf, den nächsten Band-Wettbewerb an zu peilen und die große Frankreich-Tour in die Normandie nach Lion-sur-Mer vor zu bereiten. Zusammensetzung der Gruppe Substitute“ im Jahr 1969: Chris Philipp Orgel und Gesang; Peter Konhäuser Bass und Chorgesang; Helmut Bauer Rhytmusgitarre und Chorgesang; Martin Schaefer Sologitarre; Pollux Hämmerle am Schlagzeug und Chorgesang.