Lieber Steine gruppieren als Blutwurst fressen - oder ?

Herbert Grab) : 1969 bis ca. 1973 spielte ich bei "Steinefresser". Das war eine Reutlinger 3-Mann-Truppe (Bass, Schlagzeug, Gitarre). Wir spielten überwiegend für "Gig - the First BIG ONE". Das war ein Veranstalter der ersten Stunde. Killa Kühner (er war "GIG") machte einige Jahre später viel mit Daddes Gaiser zusammen. Leider sind beide schon nicht mehr unter uns. Jedenfalls haben die Steinis viel als Vorgruppe für die damaligen englischen Bands gespielt, die "Gig" ins Ländle geholt hat: Warm Dust, Man... Gespielt haben wir wie bekloppt - ohne feste Arrangements, nur Akkordfolgen und Riffs, die wir bis zum geht nicht mehr genudelt und gedudelt haben. Das konnte man, wenn man wollte "Underground" nennen. Wir haben´s nur gemacht, weil keiner Singen und keiner Komponieren konnte. Und mir als Schlagwerker war die Tonart eh egal. Hauptsache, man hatte einen Auftritt mit Publikum – auch wenn das bestimmt manchmal gelitten hat. Einmal rief einer in der Pause zwischen zwei Nummern, oder wie man das nennen kann: „Üben!“ Und er hatte recht. Übrigens, ganz wichtig: Wir waren weit und breit die einzige 3-Mann-Kapelle, bei der sich Bass und Gitarre mit 3 (in Worten: drei) Orange-Türmen begnügen mussten. Alle anderen waren froh, wenn sie pro Gitarrennase einen halben Turm (sprich: einen gotzigen Verstärker) hatten. Also irgendwie waren wir auf Ruhm und schiere Größe programmiert.

1971 lösten sich die Reutlinger "Steinefresser" lautlos auf. Ich durfte mit dem Einverständnis der beiden anderen den Namen mit nach Tübingen nehmen, wo wir wieder zu Dritt nach dem gleichen Prinzip (Chaos - mal sehen was passiert - Sessions ohne Plan) spielten, aber auch schon mal Steve Miller (The Joker) oder Man (Spunk Box) gecovert haben - damals hieß das noch "nachgespielt". "Gueststars" zur Tübinger Steinefresser-Zeit waren unter anderem: Wolfgang Freund (alias "Lumo", auch schon tot, damals war er mitten drin in der Szene),  Mike Salvermoser (ein exzellenter bis genialer, aber leider gänzlich unbekannter Musiker, der bis vor kurzem im Wald am Tübinger Schlossberg lebte) und der Ex-Eulenspiegel-Gitarrist Günther Marek. Wir hatten teilweise sehr gute Gigs im Clubhaus und in der Mensa.


Darf ich bitten oder wollen wir erst mal tanzen ?

Danach kurzes Intermezzo bei der Batman Group - Tanzmucke im ganzen Zollern-Alb-Kreis und auf den Dörfern hinter Tübingen und Rottenburg. Kurze, wüste Zeit mit Credence Clearwater, Shocking Blue etc. Es gab fast jeden Samstag Abend Schlägereien mit blutenden Nasen und so... Und wir ham dazu gespielt und die Weiber aufgerissen, um die sich die anderen im Suff gekloppt haben. 1975 bis 1985 Blutgruppe. 7 Leute - Rock mit Bläsern (fast nur eigene Stücke, bis auf zwei, drei Zugaben wie "Roll over Beethoven" und "Marmor, Stein und Eisen bricht" - immer sehr gerne gehört ;-).

Die Blutgruppe war meine erste wirklich rundum gute Band-Erfahrung: Zehn obergeile Jahre mit Gigs auf unzähligen Open Airs und in fast allen wichtigen Clubs in Deutschland – angefangen vom Onkel Pö, in dem wir einige Zeit fast schon Stammgäste waren, über das Quasimodo in Berlin (der Name des anderen Clubs dort fällt mir nicht mehr ein) oder den Frankfurter Sinkkasten. Viele Uni-Feten damals,die meist besonders ausufernd waren. Als wir zum dritten Mal zur jährlichen Uni-Fete in Hamburg anrollten und zum Aufbau schon mal eine Kiste Bier wollten, begrüßte uns die Dame am Tresen mit: „Oh Gott, schon wieder die Säuferband aus Tübingen...“ Solcherart war der Ruf, den wir in vollen Zügen genossen. Manche haben einfach ein Händchen.

Jetzt geht's bald in Rente ... oder besser doch nicht?

Danach mehr als zehn Jahre "Mutterpause" - einfach in Familie gemacht. Ende der 90er-Jahre habe ich zufällig Wolf in der Klinik getroffen und dem Wunsche Ausdruck verliehen, dass ich gerne wieder Musik machen würde. Wenige Monate später ruft er an. Seither habe ich das grenzenlose und seltene Vergnügen, mit den Herren die Montagabende zu hell leuchtenden Sternen am Firmament meines Seelenlebens zu machen - wow, was ein Bild... Wir spielen, was uns vor die Ohren kommt. Und das macht einen Riesenspaß. Ich denke, man hört´s auch.